Lernen Sie mit uns den japanischen Underground-Künstler Keita Sagaki kennen, der allein mit Hilfe eines Stifts und tausender kleinster Figuren eine ganz neue Welt erschafft. Mit seinen einzigartigen Kritzeleien verleiht der 28-Jährige dem aristotelischen Gedanken von der nicht reduzierbaren Natur der Dinge Ausdruck, dem zufolge alles aus vielen Einzelteilen besteht und das Ganze häufig größer ist als die Summe seiner Teile ist. Die neuesten Arbeiten von Keita Sagaki sind gezeichnete „Nachbauten“ der E-Klasse von Mercedes-Benz und des Times Square in New York.

Wenn Sie erstmals eines der außergewöhnlichen Werke von Keita Sagaki betrachten, sollten Sie vermutlich nähertreten. Auf den ersten Blick sehen Sie wenig mehr als monochromatische Darstellungen populärer Szenerien oder Gemälde, wie den Eiffel-Turm oder „Das Abendmahl” von Leonardo da Vinci. Doch auf Sagakis großformatigen Bildern geht etwas Ungewöhnliches vor: Sie scheinen von einer unerwarteten Detaildichte überzogen, und in den Schlusslichtern von Autos oder den Gesichtszügen der dargestellten Figuren erkennt man mikroskopisch kleines Leben.

Komposition ist ein zentrales Konzept im gesamten Portfolio von Sagaki. Er zeichnet ohne vorbereitende Skizzen direkt auf Leinwand und folgt dabei einem spontanen Kreativitätsfluss, in dessen Verlauf zunächst das Hauptmotiv, wie die E-Klasse von Mercedes-Benz, entsteht, die er exklusiv für mb! nachgezeichnet hat (siehe Slideshow). Mit feinen Linien und zarten Schattierungen schafft er seine charakteristischen, extrem bevölkerten Landschaften und Szenen und füllt die Welt mit dem Leben Tausender aneinander geschmiegter kleiner Leute und Tiere.
„Hast du jemals gezählt, wie viele kleine Figuren ein Bild enthält, nachdem du fertig warst?”, frage ich ihn während unseres Interviews. „Nein. Ich habe sie nie gezählt. Das ist sinnlos.“ Es wäre auch eine Meisterleistung, denn einige seiner Werke, wie “Das Abendmahl”, messen fast 2 x 4 Meter und bestehen aus denselben winzigen Kritzelfiguren wie alle seine Arbeiten.

Keita Sagaki arbeitet tagsüber als Kunstlehrer und erschafft seine belebten Landschaften nachts. Als Haupteinflüsse nennt er buddhistische Mandalas, Comics und Graffitis, doch seine Kunst hat jedoch noch eine weitere, tiefergehende Dimension. Seine Ästhetik berührt die mereologische Theorie der Beziehung der Teile zum Ganzen als strukturelle Grundlage der physischen Welt und erinnert uns daran, dass jedes Objekt die Summe seiner Einzelteile ist. Eine grundlegende Fragestellung der wissenschaftlichen Annäherung an dieses Thema war, ob alle Dinge sich über ihre mikroskopischen Eigenschaften erklären lassen. Doch immer, wenn wir aus zwei atomischen Objekten ein neues, komplexes Objekt bilden, entsteht zugleich ein drittes, weiteres. Dieser Gedankengang steht in sämtlichen Arbeiten von Keita Sagaki im Vordergrund.

Keita Sagakis Arbeiten waren bisher nur in ausgewählten japanischen Galerien zu sehen. Da er sich nun entschieden hat, seine großformatigen Zeichnungen auch in den USA und in Europa auszustellen, wollten wir Keita einige Fragen stellen:

Wie lange brauchst du für eine Zeichnung?
Das hängt von der Größe der Arbeit ab. Für kleinformatigere Bilder (die Freiheitsstatue oder die Reihe Ukiyo-e-Prints, beispielsweise) brauche ich zwei bis drei Wochen. „Das Abendmahl” ist meine größte Arbeit. Dafür brauchte ich 10 Monate.

Zu welcher Tageszeit arbeitest du?
Ich arbeite tagsüber als Lehrer. Die schöpferische Arbeit beginne ich am Abend. In den meisten Fällen arbeite ich von 20 Uhr bis 2 Uhr morgens. Ich kann mich nachts besser konzentrieren. In der Nacht ist es ruhig.

Hörst du beim Zeichnen Musik? Welches Album oder welche Playlist hörst du gerade oft?
Musik ist entscheidend für meine Kreativität. Ich liebe Rock. Rhythmus und Beat dieser Musik helfen mir, geschmeidig zu zeichnen. Auf meiner iTunes-Playlist sind 260 Künstler und 1.300 Alben. Im Moment gefällt mir Rakugo. Rakugo ist eine traditionelle japanische Form der komischen Unterhaltung, bei der eine Person in einem Monolog alle Charaktere spricht. Das höre ich, wenn ich zeichne.

Welchen Musiker oder welche Gruppe findest du gerade am besten?
Bob Dylan. Ich höre zurzeit viel von ihm.

Gibt es in deiner Arbeit ein bestimmtes wiederkehrendes Element, das wir in all deinen Arbeiten finden können?
Nein, es gibt kein bestimmtes Element, das in all meinen Bildern auftaucht. Ein paar Figuren finden sich allerdings auf vielen meiner Bilder. Sie stehen symbolisch für das Thema, Leben und Tod.

Erzählen deine Zeichnungen Geschichten?
In den meisten Fällen nicht, doch hin und wieder gibt es eine Storyline. Ich überlasse es dem Betrachter, herauszufinden wo.

Zeichnest du manchmal unterwegs (im Bus, in der U-Bahn oder im Zug)?
Nein, ich zeichne kaum etwas draußen. Ich kann nicht arbeiten, wenn ich weiß, dass andere Menschen anwesend sind. Platz und das Bewusstsein, allein zu sein, sind sehr wichtig für mich. Meine Kunst beginnt mit der Einsamkeit. Ich bin einfach nicht geeignet für die Anwesenheit von Publikum.

Du arbeitest Vollzeit als Kunstlehrer. Wissen deine Schüler, dass du Künstler bist?
Ja, meine Schüler interessieren sich für Kunst und sind mit meiner Arbeit vertraut. Einige von ihnen sind zu meiner Solo-Ausstellung gekommen.

Womit verschwendest du am liebsten deine Zeit?
Ich lese gern, hauptsächlich Haruki Murakami.

Welches ist der nutzloseste Gegenstand, den du magst?
Ohrlöffel. [Anmerkung des Autors: In Asien sehr beliebtes Werkzeug, um das Ohr auf angeblich sehr angenehme Weise von Ohrschmalz zu befreien. Ohrlöffel sind häufig auf den Straßen japanischer und chinesischer Städte zu finden.]

Vielen Dank für das Gespräch, Keita.
Bitte, es hat mir Spaß gemacht.

www.sagakikeita.com