Auf der Art Basel Miami Beach 2012, einer Kunstmesse, die neben der Kunst vor allem mit Partys und Promifaktor von sich reden macht, entwickelte sich ein leuchtendes, eiförmiges Objekt am Meer zu einem der populärsten Treffpunkte. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich der mysteriöse Kokon als temporäre Holzbar und Spezialkonstruktion für einen der Hauptsponsoren der Messe, Absolut Art Bureau, die extra für diesen Zweck vom kubanischen Künstlerduo Los Carpinteros entworfen wurde.

Seit mehr als einem Jahrzehnt zählen diese beiden „Zimmermänner” verdientermaßen zu den wichtigsten Vertretern der kubanischen Kunstszene. Das ursprüngliche Trio aus Marco Castillo, Dagoberto Rodríguez und – bis zu seinem Ausscheiden im Juni 2003 – Alexandre Arrechea lernte sich 1991 an Kubas Instituto Superior de Arte kennen und entschied sich 1994, in bewusster Ablehnung individueller Autorenschaft und als Verweis auf die bewährte Gildentradition gut ausgebildeter Handwerker und Arbeiter, für den Kollektivnamen Los Carpinteros. In ihren Werken reizen sie mit disziplinübergreifender Philosophie die Grenzen und Schnittmengen zwischen Kunst und Gesellschaft aus und mischen dabei aus Design, Architektur und Skulptur stets unerwartete und oft humorvolle Ergebnisse zusammen, die nicht nur auf Kuba (u. a. im Rahmen der 9. Havana Biennial), sondern auch in Europa und Nordamerika erfolgreich ausgestellt wurden. Nach diversen prestigeträchtigen Auszeichnungen freuen sich Los Carpinteros jetzt auf ihre erste umfassende museale Werkschau in Deutschland, die seit Anfang Dezember im Kunstverein Hannover zu sehen ist. Mit dabei: ganze 20 Werke aus insgesamt 13 Jahren.

Sleek traf die beiden Konzeptköpfe unmittelbar nach dem Launch ihrer temporären Bar The Güiro in Miami, um mit ihnen die Vermittlung kulturspezifischer Codes und Symbole in der Kunst und den möglichen Raum zwischen Funktionalität und einer Bildsprache der Nutzlosigkeit zu eruieren.

Viele Künstler finden es gar nicht so einfach, eine echte Werkschau zusammenzustellen, denn die meisten halten sich einfach noch für zu jung für eine derartige Retrospektive. Wie war dies für euch in Hannover?
Es hat sich absolut gut und richtig angefühlt. Beim Aufbau waren wir überglücklich, denn das Gebäude des Kunstvereins ist sehr durchdacht konstruiert und nutzt das natürliche Licht optimal. Unsere gezeigten Werke, von denen einige sehr groß ausfallen, decken eine große Bandbreite von 1999 bis zur Gegenwart ab. Es sind sogar drei Meter hohe Skulpturen dabei, doch im Kunstverein war ausreichend Platz, um sie korrekt auszustellen. Außerdem stammen viele der Arbeiten aus europäischen Privatsammlungen, d. h. wir hatten sie selbst eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Das ist fast wie das langersehnte Wiedersehen mit einem Kind, das man einst zur Adoption freigegeben hat.

Welche konzeptuellen Prozesse liegen eurer Arbeit zugrunde?
Oft interessiert uns der funktionale Aspekt eines Objekts. Manchmal verändern wir Objekte so, dass ihre gesamte symbolische Bedeutung negiert wird. Denn wir glauben, dass der Herstellungsprozess selbst eine Art Sprache ist, so dass beispielsweise Dinge und Objekte, die in der Vergangenheit produziert wurden, viel über die Herkunft, Zeit und Kultur der Menschen verraten, die sie einst hergestellt haben. Mit unserer Arbeit wollen wir diese Codes, die sich in den Objekten verstecken, quasi übersetzen, in unserer Sprache neu schreiben und dann unseren eigenen symbolischen Zwecken anpassen. In diesem Sinne haben wir auch keine speziellen Materialpräferenzen: Die Natur des Objekts diktiert das Konzept und die letztendliche Ausführung.

Gibt es eine klare Arbeitsteilung zwischen den zwei, bzw. früher drei, Mitgliedern der Carpinteros?
Das ist eine schwierige Frage. Wir haben 14 Jahre als Trio zusammengearbeitet, und anfangs war das Resultat eher eine Art Austausch von Dienstleistungen. Aber mittlerweile sind wir beide in alle Prozesse eingebunden: die Konzeption der Arbeiten, ihr Design und die anschließende Produktion. Es gibt bei uns keine definierten Rollen, bzw. es gibt sie nach derart vielen Jahren der Zusammenarbeit nicht mehr.

Wie kam es zur Idee der Absolut Art Bar in Miami?
Das Absolut Art Bureau hatte bei uns ein Projekt angefragt, und wir fanden das Ganze interessant, da es sich dabei nicht um einen einfachen Auftrag handelte, sondern um eine echte Kollaboration, in der alle als Team zusammenarbeiten. Das Ergebnis, The Gürio, ist eine funktionierende Freiluftbar, Kunstwerk, Architektur, offene Bibliothek und Performance-Bühne zugleich. Wir fanden es spannend, wie hier mit der Funktion eines öffentlichen Ortes gespielt wird.

Und was hat der eigentümliche Name zu bedeuten?
Beim Güiro handelt es sich um ein beliebtes lateinamerikanisches Schlaginstrument, das aus einem ausgehölten, getrockneten Flaschenkürbis gefertigt wird. Wir wollten die symbolische und kulturelle Bedeutung des Güiro ausloten, die dem Instrument besonders auf Kuba und im karibischen Raum zufällt, denn es handelt sich dabei um ein uraltes traditionelles Objekt von tiefgreifender kultureller Signifikanz. Doch die Form der Bar spielt nur entfernt mit dieser Referenz – sie ist eher ambivalent und letztendlich total abstrakt; es ist eine sehr moderne, ultra-aerodynamische Form. Wir wollten das Werk nicht nur im Güiro verankern. Als das Ergebnis hier am Meer erstmals Form annahm und plötzlich alle Lichter angingen, dachte ich zuerst unwillkürlich: „Wir haben eine Lampe gebaut!” (lacht).

Humor spielt in eurer Arbeit eine wichtige Rolle – mal augenzwinkernd, mal ironisch und manchmal sogar ein bisschen respektlos …
Ja, denn so können wir auch politische Aspekte in unsere Werke miteinfließen lassen. Neuerdings experimentieren wir auch mit Performance, u. a. im Rahmen der Havana Biannial. Wir versuchen, so viel wie möglich auf Kuba zu machen, um nicht den Kontakt zu unseren Wurzeln zu verlieren. U. a. unterhalten wir noch immer ein Studio in Havanna, obwohl wir mittlerweile von Madrid aus arbeiten. Für die Biennale hatten wir eine Tanzperformance konzipiert – eine sehr politisch aufgeladene Arbeit, die wir dennoch vor Ort aufführen konnten.

Und was können wir in Zukunft von Los Carpinteros erwarten?
Performance und Tanz gewinnen bei uns einen immer größeren Stellenwert. Aktuell arbeiten wir an einem neuen Video, einem Rumba in den Alpen, das in diesem Winter abgedreht wird, sowie einem weiteren Film in Havanna, der sich mit dem Thema Intimität auseinandersetzt. Er wird stark sexuell geprägt sein. Diese neuen Videos werden im Mai in unserer New Yorker Galerie Sean Kelly im Rahmen der dortigen Kunstwoche vorgestellt.

Los Carpinteros
Silence Your Eyes
Kunstverein Hannover
www.kunstverein-hannover.de
bis zum 2. März 2013

Zusätzliche Informationen zu den Kunstwerken:

1-3: Güiro: eine Kunstbar-Installation der Los Carpinteros in Kollaboration mit dem Absolut Art Bureau
Ansicht der Installation (2012) © Los Carpinteros
Mit freundlicher Genehmigung von Sean Kelly, New York/Absolut Art Bureau
Foto: Roberto Chamorro

4: Los Carpinteros
16 m, 2010. Metall, Textilerzeugnisse, Maße variabel
Foto: Inaki Domingo
Mit freundlicher Genehmigung von Ivorypress, Madrid

5: Los Carpinteros
Cuarteto Rebelde, 2012. Holz, Metall, Maße variabel
Mit freundlicher Genehmigung von Ivorypress, Madrid

6: Los Carpinteros
Movimiento de Liberación Nacional, 2010. Metall, Kunststoff, je 93 x 120 x 120 cm
Mit freundlicher Genehmigung von Ivorypress, Madrid

7: Los Carpinteros
Patas de Rana Turquesa (size s), 2010. Polyurethan-Guss, 271,8 cm Ø
Mit freundlicher Genehmigung von Ivorypress, Madrid

8: Los Carpinteros
Ping Pong, 2010. Tischtennisplatte, PVC, Methacrylat, Maße variabel
Mit freundlicher Genehmigung von Ivorypress, Madrid