Unser neuestes Mixed Tape-Cover ist ein echter Blickfang – und seine Urheberin bereits bestens in der Melbourner Kunstszene verankert, auch wenn der große Sprung vom fünften Kontinent in den Rest der Welt noch bevorsteht. Seit sieben Jahren widmet sich Kirra Jamison ganz der Kunst: Im heimischen Studio verschwimmen schnell die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. Während dieser konzentrierten, ausgedehnten Kreativperioden leistet ihr vor allem ein treuer Begleiter Gesellschaft: die vierbeinige Tallulah, die mit dem fröhlichen Temperament einer energischen französischen Dogge für den nötigen Auslauf und gesunden Kontakt mit der Außenwelt sorgt.

Irgendwo zwischen Illustration und Malerei dekonstruiert Kirra mit intuitiver Sicherheit ihre Themen und Protagonisten. Scheinbar zufällig neu zusammengewürfelt entwickeln diese Versatzstücke beunruhigend eindringliche, faszinierende Qualitäten.

Wir trafen die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin, um mit ihr über Arbeit, Inspirationen und die australische Kunstszene zu plaudern.

Du hast kürzlich die Eröffnung deiner bisher größten Einzelausstellung gefeiert. Herzlichen Glückwunsch! Wie fühlt sich das an?
Vielen Dank! Die eigentliche Eröffnung fand vor ein paar Wochen in der Gaffa Gallery in Sydney statt. Mittlerweile kommt es mir so vor, als wären seitdem schon hundert Jahre vergangen! Hier in meinem Atelier arbeite ich gerade an meinem nächsten Projekt, bzw. an neuen Bildern für The Design Files Open House. Noch habe ich ein paar Monate Zeit und lasse es deshalb eher ruhig angehen. Ich war ehrlich gesagt noch nie so ausgelastet wie in diesem Jahr und bin mittlerweile daran gewöhnt, rund um die Uhr zu rotieren. Dieses Chaos gefällt mir sogar besser. Vor ein paar Tagen habe ich in Melbourne einen Vortrag der 17-jährigen Modebloggerin Tavi Gevinson gesehen, die auf die Frage nach ihrem gewaltigen Arbeitspensum schlicht erwiderte, dass „man Aufschieben am leichtesten vermeidet, wenn man so viel zu tun hat, dass es schlicht unmöglich wird.“ Das kommt mir irgendwie bekannt vor.

Du bist in Sydney aufgewachsen und wohnst mittlerweile in Melbourne. Ist Australien ein guter Standort für Künstler?
Ich glaube, dass sich eigentlich jeder Ort der Welt für die Kunstproduktion eignet. In Australien, und besonders hier in Melbourne, haben Künstler glücklicherweise viele Möglichkeiten, ihre Kunst der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Kunstszene ist sehr lebendig und es gibt viele Ausstellungsräume und Ateliers, die von Künstlern selbst betrieben werden, aber auch viele Museen und kommerzielle Galerien. Auch die Street-Art-Szene ist sehr aktiv. Es wäre wahrscheinlich eher schwierig, in Melbourne zu leben und gar nichts mit Kunst zu tun zu haben! Anders als in London oder New York haben es Künstler in Melbourne nicht ganz so schwer, von ihrer Kunst zu überleben. Außerdem ist Melbourne deutlich kleiner, und vielleicht kommt mir auch deshalb das Leben hier etwas einfacher vor. Man wird nicht gleich von der Stadt verschluckt.

Melbourne ist auch für seine hervorragenden Restaurants bekannt. Was macht die Stadt ansonsten noch so besonders?
Da wären die Straßenbahnen, der Kaffee… der Kaffee in Melbourne ist wirklich gut. Man muss sich echt anstrengen, um einen schlechten serviert zu bekommen. Und im Sommer genießt man die wunderschöne, lange Dämmerung – einer meiner Lieblingsaspekte. Im Sommer wimmelt es in all den schönen Stadtparks gegen 21 Uhr nur so von Menschen. Außerdem ist Melbourne sehr flach und lässt sich somit am besten per Fahrrad entdecken.

Kommen wir zum Cover der aktuellen Mercedes-Benz Mixed Tape #52-Compilation. Was genau steckt dahinter – und was hat dich dazu inspiriert?
Ich habe mich von der „Beat The Heat”-Thematik inspirieren lassen. Während ich am Cover gearbeitet habe, herrschte auf der anderen Erdhalbkugel Hochsommer, also habe ich vor allem warme, leuchtende Farben verwendet. Beim Wort „Beat“ muss ich unwillkürlich an ein Schlagzeug denken, also habe ich mit den klassischen Formen von Basstrommel, Becken und Snare-Drum herumgespielt und die jeweiligen Umrisse aus farbigem Vinyl ausgeschnitten, um daraus eine abstrakte Collage zu basteln, die an den Ursprung des Beats erinnert.

Folgst du dabei einem bestimmten Kreativprozess? Womit fängst du normalerweise an? Mit der Struktur oder den Farben?
Obwohl ich eigentlich Malerin bin, schnappe ich mir meist erst einmal meine Schere und ein paar Bahnen farbiges Vinyl, das ich in Japan wie Stoff als Meterware kaufe. Im Studio schneide ich daraus das Rohmaterial für meine Collagen zurecht und ordne diese Formen dann relativ schnell und intuitiv zu neuen Arrangements an. Die so entstandenen Ergebnisse sind meine „Skizzen“ und dienen als Grundlage für die späteren Bilder. Jedes gemalte Bild beginnt mit einer schlichten, klaren Hintergrundfarbe. Im nächsten Schritt zeichne ich dann in Anlehnung an eine der Collagen mit einem Posca Paint Pen auf der Leinwand Umrisse und Formen. Schließlich fülle ich diese Elemente farbig aus, was besonders viel Zeit in Anspruch nimmt.

Dein Stil hat sich recht stark verändert. Nach den klaren Silhouetten der vergangenen Jahre – Pflanzen, Tiere, Menschen – sind deine Motive jetzt abstrakter geworden. Wie kam es dazu?
Das stimmt, mein Stil hat sich ziemlich verändert. Ich bin seit mittlerweile sieben Jahren rein künstlerisch tätig. Und wie bei den meisten Künstlern kommt es auch bei mir zu ständigen Brüchen und Verschiebungen. Ich wollte noch nie konsequent nur einen Stil verfolgen. An der Malerei hat mich schon immer besonders das Zusammenspiel der Farben interessiert. Mit der Zeit wurde so das figurative und narrative Element der Bilder immer weniger wichtig.

Welche Rolle spielt die Musik in deinem Leben und für deine Arbeit?
Ich verbringe jeden Tag etwa acht Stunden in meinem Atelier, und das würde ich ohne gute Musikversorgung wahrscheinlich gar nicht aushalten. Musik spielt bei meiner Arbeit eine zentrale Rolle. Obwohl ich selbst völlig unmusikalisch bin, könnte ich mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen.

Könntest du deine Kunst in drei Worten auf den Punkt bringen?
Zum Beispiel: optimistische, kantige Malerei.

Sammelst du auch die Werke anderer Künstler?
Ich bin ziemlich privilegiert, denn viele meiner Freunde sind unglaublich talentiert und haben meine Sammlung per Bildertausch bereichert, d.h. ich habe einfach eines meiner Werke gegen eines von ihnen getauscht. So kann man sich eine tolle Kunstsammlung aufbauen, die man sich sonst niemals leisten könnte.

Wo findet man dich normalerweise an einem Sonntagmorgen?
An einem normalen Sonntagmorgen – bzw. auch an allen anderen Tagen – bin ich wahrscheinlich in einem Yogakurs. Yoga ist für mich sehr wichtig, und ich praktiziere es jeden Tag. Obwohl Malen etwas sehr Physisches hat, bewegt man sich dabei relativ wenig und verbringt eventuell den ganzen Tag auf dem gleichen Fleck. Yoga bewegt meinen Körper und beruhigt die Seele – also das genaue Gegenteil der Malerei. Das schafft ein gutes Gleichgewicht.

Vielen Dank für dieses Interview, Kirra!

www.kirrajamison.com