Wer dem obigen Bild nur einen flüchtigen Blick schenkt, mag die stilisierten (Flucht-)Linien für das Ergebnis von Stift auf Papier halten. Doch ein genaues Hinsehen lohnt sich: Denn bei jedem einzelnen „Strich“ handelt es sich um ein Stück Garn, das von der Künstlerin zwischen zwei Nägeln gespannt wurde. Gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass sich viele von uns bereits damit schwer tun, beim Bilderaufhängen den Nagel auf den Kopf zu treffen. Doch mit sicherer Hand und visionärem Blick widmet sich Debbie Smyth genau diesem Medium, um mit großformatigen Werken ganze Welten zwischen Nagel und Faden aufzumachen.

Immer auf der Suche nach neuen Talenten hat uns Debbies eigenwillige Methode, diese einfachen „Helfer“ – wie sie seit Jahrhunderten im Einsatz sind – in moderne Kunstwerke zu verwandeln auf Anhieb beeindruckt. An den erstaunlich plastischen, dreidimensionalen Ergebnissen bleibt das Auge sofort hängen. Und auf ihrer präzise versponnenen Weltbühne dominieren urbane, architektonisch angehauchte Motive: Brücken, Straßen, Häuser und Autos, aber auch pragmatische Alltagsgegenstände wie z. B. generische Einkaufswagen. Als Vorgabe für unsere Auftragsarbeit baten wir die Künstlerin um eine Visualisierung des Themas „Mobilität“ rund um das Mercedes-Benz Concept A-CLASS. Zu den Hintergründen dieses Werks – und ihrer Sicht der Mobilität – äußert sich Debbie Smyth folgendermaßen:

„Bei Mobilität dreht sich alles um die Möglichkeit von Bewegung. Und um diesen Gedanken in einem statischen Kunstwerk festzuhalten, musste ich die Parameter Zeit, Raum, Energie und Bewegung in einem spontanen Moment einfangen. Das kommt mir entgegen, denn ich wollte schon immer Spontaneität, blitzschnelle Momente, vorübergehende Ereignisse und unkontrollierte Bewegung in meine kreative Arbeit einfließen lassen. Aus der Bewegung und der Impulsivität eines ganz bestimmten, kurzen Moments ergibt sich dann eine gewisse Realitätsunschärfe. Abstrakt, doch erkennbar, aber nicht wirklich klar. Im Wechselspiel zwischen realistischer Darstellung und Abstraktion ist das Ergebnis mindestens ebenso stark in Fantasie, Farben und höheren Sphären verankert wie in der tatsächlich sichtbaren Welt. Dieser verschwommen-verzeichnete Übergang zwischen den Momenten schafft eine gewisse Elastizität, die eine Zukunft der Mobilität erahnen lässt.“

Debbie Smyth arbeitet ungewöhnlich diszipliniert, zuverlässig und zügig. Sie ist also nicht nur offensichtlich talentiert, sondern geht darüber hinaus auch sehr professionell vor. Aktuell hält sie nebenbei noch Vorlesungen – und viele gute Ratschläge für angehende Künstler bereit, wie sich im folgenden Interview nachlesen lässt.

Was hat dich eigentlich dazu gebracht, Kunst und Design zum Beruf zu machen?

In meiner Familie sind alle sehr praxisorientiert und kreativ veranlagt, so dass Kunst in meiner Kindheit eigentlich immer eine recht große Rolle gespielt hat. Allerdings kann ich mich gegen Ende meiner Schulzeit auch noch an eines dieser typischen „Was ich später einmal werden will“-Gespräche mit meinen Eltern erinnern. Als ich dabei künstlerische Arbeit erwähnte, meinten sie, dass Kunst wohl besser ein Hobby bleiben sollte. Als rebellischer Teenager bin ich natürlich lieber meiner Leidenschaft gefolgt – und bis heute treu geblieben.

Akademisch gesehen habe ich erst einmal einen Grundkurs am Colaiste Stiofain Naofa (im irischen Cork) absolviert und danach, 2008, meinen Bachelor-Abschluss in Gegenwartstextildesign an der West Wales-Kunsthochschule mit Auszeichnung bestanden. Der extrem hilfreiche Crafts Council Development Awards (2009) hat mich und meine Arbeit dann noch ein großes Stück weitergebracht.

Deine Materialwahl ist ungewöhnlich und erfrischend. Seit wann arbeitest du mit diesem Medium, und wie bist du ursprünglich darauf gekommen?

Mein Interesse an Nagel und Faden ergab sich anfangs aus meinem Textilstudium. Ich wollte diese allseits bekannten Grundpfeiler der Textilindustrie auf unorthodoxe Weise neu erforschen. Und damit habe ich einen absolut neuen und spannenden Zugang zu diesen klassischen Ausgangsmaterialien entdeckt. Zu Beginn wollte ich vor allem zweidimensionale Bilder in den dreidimensionalen Raum übertragen, und die Illustration per Nagel und Faden ergab sich als eine Art „glücklicher Unfall“ aus meinen ausgedehnten Experimenten im Abschlussjahr. Ich lote gern die Grenzen zwischen künstlerischer Zeichnung und Textilkunst, flacher Darstellung und 3-D, Illustration und Stickerei aus, da die interessantesten Dinge meist genau dort passieren, wo die Grenzen einer Disziplin oder eines Materials überschritten werden. Solange ich meine eigene Arbeit faszinierend finde, kann ich hoffentlich auch andere damit begeistern.

Oben sind einige Making-of-Bilder zu sehen – könntest du uns die wichtigsten Schritte von der ersten Idee bis zum fertigen Kunstwerk erläutern?

Erstens recherchiere ich viel und produziere Unmengen von Skizzen, Fotos etc. Dann scanne ich alle Zeichnungen ein und entwickele daraus Kompositionen, die mit der Größe des Werks und der Gestaltung des Raumes harmonieren. Gerade bei Installationen hat die Raumform und –gestaltung bei der Motiventwicklung Priorität. Ich arbeite gern perspektivisch und integriere eine Illusion von Tiefe in meine Bilder. Sobald diese Rahmenbedingungen stehen, wird intensiv geplant und grafische Feinarbeit geleistet, bis ich mit einer kleinen Version des Motivs absolut glücklich bin. Dann wird es ernst: Ich skaliere die Arbeit auf die gewünschte Größe und übertrage sie auf eine Wand oder Tafel, wo ich die Hilfslinien durch Nagel und Faden ersetze und langsam, aber sicher, alle Lücken fülle und Substanz aufbaue – das Garn also buchstäblich zum Zeichnen nutze. Und ja: auch heute noch treffe ich öfter mal auf den Daumen. Mein Tipp für alle Anfänger: nimm einen möglichst kleinen Hammer!
Da ich schon eine ganze Weile mit diesen Materialien arbeite, sind sie für mich eine Art alternatives Zeichenmedium geworden. Mein Prozess ist stark materialorientiert: Die Art, wie der Faden fällt oder Knoten bildet, gibt oft schon den nächsten Schritt vor.

Neben deiner Kunst hältst du auch Vorlesungen. Welchen Rat gibst du deinen Studenten besonders häufig mit auf den Weg?

Künstlerisch arbeiten ist toll – aber man muss seine Arbeit auch verkaufen, um letztendlich davon leben zu können. Man sollte absolut jede Gelegenheit beim Schopf packen und sich in der Welt einen Namen machen. Ich selbst stehe zwar noch ganz am Anfang meiner Karriere, doch obwohl ich oft gratis gearbeitet und Ausstellungen veranstaltet habe, die damals relativ viel gekostet und nicht allzu viel Aufmerksamkeit erzielt haben, hat sich der Aufwand im Nachhinein immer bezahlt gemacht – vielleicht nicht sofort, doch irgendwie und irgendwann eigentlich immer.

Welche Rolle wird Mobilität in Zukunft in unserem Leben spielen?

Ich hoffe natürlich, dass wir in Zukunft noch schneller, effizienter, bequemer und nachhaltiger von A nach B kommen werden als heute. Dabei wird sicherlich auch Kommunikationstechnik eine wichtige Rolle spielen. In der heutigen Welt sind wir immer vernetzt und online – und das kann unserer Mobilität eigentlich nur zugutekommen.

In meiner Kunst möchte ich Zeit, Raum, Energie und Bewegung in einem spontanen Moment einfangen.

Wenn wir schon bei der Zukunft sind: Was steht als nächstes auf deinem Plan?

Ich möchte gern reisen – auch mit meiner Arbeit. Hoffentlich erhalte ich das eine oder andere Auslandsstipendium und kann die Zeit nutzen, um neue Arbeiten zu entwickeln. Denn in letzter Zeit habe ich einfach nur pausenlos gearbeitet – ich würde mir deshalb gern etwas Zeit nehmen, um neue Ideen zu verfolgen und auch etwas von der Welt zu sehen. Meine Technik hat mich zwar schon deutlich vorangebracht, doch ich darf mich nicht darauf ausruhen, sondern muss sie immer weiterentwickeln, damit meine Arbeit auch in Zukunft interessant und relevant bleibt.

Wir sind gespannt! Vielen Dank für dieses Interview.

Einblicke in Debbies Arbeitsschritte und das finale Kunstwerk gibt es per Klick auf das obige Bild.

www.debbie-smyth.com