Das schwarze Taxi hält um Punkt zehn Uhr morgens am Ostlondoner Straßenrand. Heraus springt ein schlaksiger Typ mit Retro-Metallbrille, weißen Turnschuhen und tief sitzender Röhrenjeans, gibt mir einen Kuss auf die Wange und sagt: „Hi, ich bin Todd.“ Der Mann ist genauso entspannt, wie man es von der lockeren Atmosphäre seiner Fotos erwarten würde. In seinem mittlerweile weltberühmten Projekt The Selby is in Your Place, dokumentiert der Illustrator und Fotograf die Häuser, Apartments und Studios kreativer Ausnahmegestalten – Autoren, Redakteure, Musiker, Künstler oder Designer. Und beim Betrachten der ungestellten und ungestylten Impressionen schleicht sich unwillkürlich das Gefühl ein, man würde zufällig auf einen Sprung bei Freunden oder Bekannten vorbeischauen. Kein falscher Gedanke, denn Todds erste „Opfer“ rekrutierten sich tatsächlich aus dem engeren Freundeskreis. Nach ein paar virtuellen Streifzügen durch fremde Wohnungen fühlt man sich unweigerlich inspiriert und verspürt unwiderruflich den Drang, die eigenen vier Wände, wenn nicht sogar das eigene Leben, gründlich auf den Kopf zu stellen und ab sofort nur noch cool zu sein.

An diesem wolkenverhangenen Sommertag ist Todd Selby mit wenig Ausrüstung und nur einem Assistenten, Johnny, unterwegs (siehe das Making-of Video oben). Er ist ehrlich begeistert von Abigail Aherns vierstöckigem viktorianischen Reihenhaus, das sie mit ihrem Mann Graham und dem Hund Maude bewohnt. Auch der Dauerregen stört Selby nicht, obwohl er grundsätzlich ohne künstliches Licht arbeitet. Denn trotz unverkennbarem Stil ist Technik für ihn scheinbar zweitrangig. Während seine Schwäche für unordentlich-exzentrische Settings und superkreative Menschen mit Sammeltrieb offensichtlich ist, spielt der persönliche Bezug eine mindestens ebenso große Rolle. Er schafft es, dass die Menschen, die er fotografiert, sich augenblicklich wohl mit ihm fühlen und aufhören, eine Rolle zu spielen. Sie leben ihr Leben vor der Kamera einfach weiter. Während Todd das Haus mit der Kamera erkundet, bombardiert er Abigail mit einem nicht abreißenden Strom von Fragen. Zum Beispiel im Garten.

„Was machst du hier normalerweise?“
„Wie meinst du das genau?“
„Na ja, arbeitest du im Garten?“
„Oh ja, ich pflanze Erbsen.“
„Erbsen? Cool. Zeig mal!“

Abigail macht sich also die Hände schmutzig und pult Erbsen, während ihr Vierbeiner um Todds Aufmerksamkeit buhlt. In dem Fotografen hat Maude ein dankbares Opfer gefunden, denn Tiere sind auf Todds Blog gern gesehene Gäste. Da sie im Leben ihrer Besitzer eine wichtige Rolle spielen, verdienen sie auch einen Platz im Bild. Getrieben von echter Neugier und selbstbewusst genug, das Gesehene nicht zu beschönigen, rät Todd seinen Protagonisten von professionellem Innendesign, Styling oder Make-up ab (obwohl letzteres bei Karl Lagerfeld zu bezweifeln wäre). Auf The Selby sehen die Menschen aus, wie sie sind: nicht schöner und nicht hässlicher. Es sind im wahrsten Sinne ungeschminkte Aufnahmen – die genau deshalb eine besondere Magie haben.

Nicht zuletzt dieser authentische Touch macht Todd’s Blog so erfolgreich. Wir sind mittlerweile so sehr an perfekt gestylte Interieurs und mit Photoshop geglättete Models gewöhnt, dass Todds Bilder automatisch frischen Wind in die gleichgeschaltete Magazin- und Bloglandschaft bringen. Und wenn wir uns dort – wie heimliche Eindringlinge – einen virtuellen Pfad durch unordentliche, leicht verwahrloste oder mit Magazinen, Spielzeug oder präparierten Tieren vollgestopfte Wohnungen bahnen dürfen, dann schwindet schnell das schlechte Gewissen beim Anblick der eigenen Wohnung. Selbys Motive sind nur selten Hollywood-Stars. Wir können uns mit ihnen identifizieren – bis zu einem gewissen Grad. Denn natürlich handelt es sich dabei um unverschämt coole, kreative und erfolgreiche Individuen, die an Orten zuhause sind, an denen wir uns wahrscheinlich nur im Urlaub aufhalten.

Abigail passt perfekt in Todds Schema. Neben ihrem gefragten Büro für Innenarchitektur und einem vielgepriesenen Londoner Shop lanciert sie gerade eine neue Leuchtenserie und beglückte ihre Leser- ganz nebenbei- noch mit einem Buch. Gleichzeitig ist sie natürlich, kreativ und, ganz wie ihr eigenes Haus, immer für eine humorvolle Geste oder visuelle Überraschung gut (mehr dazu im Interview mit Abigail). Selbstverständlich hat sie sich für den Fototermin nicht extra schminken lassen. Direkt darauf angesprochen meint sie lapidar: „Oh je, bloß nicht. Würde bei mir sowieso keinen Unterschied machen!“ Natürlich sieht sie fantastisch aus. Der einzige Anhaltspunkt, dass sie sich für den Termin ein bisschen zurechtgemacht hat: ihre gefährlich hohen Stiefel, in denen sie auf Todds Anweisung tapfer die vielen Treppen auf und ab stakst. „Könnten wir im Kamin noch einmal Feuer machen?“, „Wie wär’s mit einer Mittagspause?“ (sie springen in Abigails 1968er Mercedes, um die vermutlich besten Sandwiches der Stadt zu besorgen – direkt um die Ecke bei Violet). Während Todd auf der Couch liegt und extrem unterhaltsame Anekdoten über David Hasselhoff beim Shooting für das Nylon Magazin vor etlichen Jahren erzählt, müht sich Abigail mit seinem mittlerweile berühmt-berüchtigten Fragebogen ab, der jedes Selby-Porträt begleitet. Die Idee dazu hatte Todds Freundin Lesley Arfin, da er vom Schreiben lieber die Finger lässt.

Und mit diesem simplen Trick hält er uns bei der Stange – ganz wie eine Lieblingsserie, die grundsätzlich mit einem Cliffhanger endet. Wir wollen mehr sehen, mehr wissen über diese Menschen und Orte, deren Welt er uns präsentiert. Glücklicherweise macht Todd mittlerweile auch Videos, in denen er mit dem ihm eigenen Talent gute Vibes, visuelle Details und interessante Charaktere verbindet. Drei dieser Videoporträts hat er bisher (erst) veröffentlicht, da ein Dreh einfach deutlich mehr Arbeit und Planung erfordert (beim ersten Video kam das Team von The September Issue zum Einsatz).

Und letztendlich ist das Medium auch nebensächlich. Ob statische Bildstrecke oder dynamischer Film: Todd besitzt schlicht und einfach das unnachahmliche Talent, Menschen und ihre Wohnorte so zu präsentieren, dass wir uns dank der gezeigten Lifestyles, Stilbandbreite und Intimität immer wieder selbst darin wiederfinden können (wer sich traut, darf ihm gern eine E-Mail schicken – aktuell interessiert er sich für Tel Aviv). Gleichzeitig versprühen seine Bilder genügend unerreichbaren Glamour und exzentrisches Genie, um in uns allen einen heimlichen Wunsch auszulösen: The Selby irgendwann einmal selbst die Tür zu öffnen.

Für die Fotostrecke und das Video vom Shooting einfach das Bild über dem Artikel anklicken.

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