Jon Burgerman

© Adam Krause

„Das hier ist die Sorgenbank”, erklärt Jon Burgerman in seinem Brooklyner Studio und zeigt dabei auf eine Gebäudeskizze, die einem grell-bunten Gesicht nachempfunden ist. Neonfarbe überall: pink, gelb, blau und orange in allen leuchtenden Farbschattierungen. „Drinnen kann man einfach seine Ängste abgeben – oder die Sorgen anderer Leute ausleihen. Aber dabei ist Vorsicht geboten, denn auf die eigenen Sorgen fallen natürlich auch Zinsen an“, so der Künstler an diesem frühen Samstagmorgen. In Jon Burgermans Welt wimmelt es nur so von derartigen Widersprüchen – unter comic-hafter Oberfläche eruiert der Künstler gern komplexere Einsichten in das menschliche Wesen. Ein Ansatz, der zu Burgermans Persönlichkeit passt, denn hinter seiner charakteristischen, knallgelben Jacke versteckt sich ein äußerst wacher Geist, der aufmerksame Zuhörer mit durchdachter, humorvoller Gesellschaftskritik beglückt.

Im Rahmen unseres Interviews verriet der Mixed Tape #54-Künstler, wie er seine kreative Energie in die richtigen Bahnen lenkt – und wie sein Umfeld seine Kunst beeinflusst.

Wo und wie bist du eigentlich aufgewachsen, Jon?

Ich bin mitten in England, in Birmingham, groß geworden und der mittlere von drei Brüdern. In Großbritannien herrscht ein starkes Nord-Süd-Gefälle, und viele Menschen definieren sich klar über ihre Herkunft, doch die Mitte dazwischen ist den meisten egal. Als „Mittelengländer“ und mittleres Kind war ich gefühlt immer mittendrin – und gleichzeitig meilenweit von allem entfernt. Später habe ich in Nottingham Kunst studiert und dort insgesamt zehn Jahre verbracht, doch irgendwann packte mich der Wunsch, etwas ganz anderes zu machen – bzw. woanders zu leben – und ich bin nach New York abgehauen.

Jon Burgerman

© Adam Krause

Und wie hat sich das auf deine Arbeit und Kunst an sich ausgewirkt?

Zuerst war dieser Szenenwechsel ein ganz schöner Schock für mich: Ich hatte wohl etwas naiv angenommen, dass eine neue Stadt, ein neues Land, ein ganz neues Leben relativ nahtlos funktionieren würde und dass nach einer Woche alles wie von selbst laufen würde. Natürlich hat es dann etwas länger gedauert. Vielleicht bin ich auch heute noch nicht ganz darüber hinweg. Andererseits war ich damals schon zehn Jahre freiberuflich unterwegs, hatte viel produziert, war viel gereist und hatte bei vielen Projekten mitgemacht, so dass ich dringend eine Pause und Veränderung brauchte. Andererseits dachte ich mir: „Ach, warum nicht mal ein bisschen frischen Wind ins Leben bringen und ein paar neue Sachen ausprobieren?“ Als ich dann in New York war, wusste ich plötzlich gar nicht so genau, was ich jetzt eigentlich machen sollte. Auf die Frage, ob ich wegen der Arbeit nach New York gezogen wäre, meinte ich oft im Scherz: „Nicht wirklich, ich wollte mich hier zur Ruhe setzen.“ Angesichts der schwindelerregenden Mieten war mein Ruhestand allerdings nach knapp einem Wochenende vorbei.

Was genau reizt dich so an diesen – oft abstrakten – Figuren?

Jeder Künstler reagiert in seiner Arbeit auf das, was er sieht – oder wie er die Welt wahrnimmt. Ich habe dadurch die Möglichkeit, den Dingen um mich herum Ausdruck zu verleihen. Meine Kunst zeigt meine Sicht der Menschen, meines eigenes Lebens und – vor allem – unserer westlichen Kultur und Zivilisation. Ich möchte die Welt besser verstehen und setze dabei oft lustige, manchmal alberne Stilmittel ein. Mit einigen Bildern will ich konkrete Zustände kommentieren, mit anderen eine Diskussion anregen oder schlicht meine Ideen vermitteln. Meine Kunst ist meine Sprache.

Welche Musik läuft bei dir im Studio?

Ich mag total unterschiedliche Sachen. Vor allem elektronische Musik; aber auch alles, was ein bisschen ungewöhnlich klingt. Viel Weltmusik, auch wenn dieser Begriff etwas unglücklich ist, da alle Musik von dieser Welt ist. Also vielleicht eher Klänge, die bei uns keine Tradition haben. Ich mag z.B. afrikanische oder nahöstliche Sounds, aber auch Sachen aus Asien. Alles, was ein bisschen seltsam, schräg und wunderbar klingt. Und ich bin einfach süchtig nach elektronischer Musik aus Großbritannien, z.B. Grime oder Post-Dubstep.

Brauchst du Musik für deinen Kreativprozess?

Absolut. Für mich ist Musik wie ein kleiner Koffeinkick für die Ohren, der mich auf Touren bringt. Bei der künstlerischen Arbeit kann man leicht mal etwas selbstzweifelnd und neurotisch werden, da ist sanfte Ablenkung immer willkommen. Im kreativen Flow bin ich also gedanklich bei meiner Arbeit, aber nie hundertprozentig darauf fokussiert. Die Musik sorgt für einen leicht verträumt-abgehobenen Zustand, in dem ich nicht jede Linie, jede Form, jede Figur oder jede Farbe hinterfragen muss.

Was ist dir bei dem Covermotiv für Mixed Tape #54 durch den Kopf gegangen?

Winter war ein klares Thema, also habe ich mich auf klassische Wintertiere konzentriert. Beim Zeichnen habe ich nebenbei das Mixed Tape gehört und dabei schoss mir diese festliche Winteratmosphäre in den Kopf.

Jon Burgerman

© Adam Krause

Alle guten Künstler erschaffen ihre eigenen Welten. Manchmal werde ich auch gebeten, Vorträge über meine Kunst, meine Arbeitsweise oder meine Interessen zu halten, und dabei erwähne ich dann oft, dass Talente wie Matt Groening, Tex Avery oder Shigeru Miyamoto – der Erfinder der Mario-Spiele – nicht nur fantastische Comicfiguren erschaffen, sondern gleich ganze Welten. Denn ihre Protagonisten sind klar in einer eigenen Realität verankert, die unsere Welt abstrahiert, aber in sich absolut stimmig bleibt. In einem Tex-Avery-Cartoon wird z.B. jemand vom Laster geplättet – und später von einem Passanten per Fahrradpumpe wieder in Form gebracht. Das ist in dieser Welt absolut logisch. Ein Zuschauer denkt sich dabei nicht, „wie unrealistisch“, sondern „klar, es ist ein Zeichentrickfilm“. Meinen Figuren fehlt eine solche definierte Umwelt bisher. Und daran arbeite ich gerade. Ich bastele meine eigene Welt – eine Realität, in der sie wirklich zuhause sind.

Vielen Dank für dieses Interview, Jon!

www.jonburgerman.com

Foto © Adam Krause