Was macht Kreativität heutzutage eigentlich aus – und kommt etwas ganz anderes dabei heraus, wenn man allein oder im Team arbeitet? Wie viel Individualität bleibt im Kollektiv erhalten? Und wenn das Netz die Kollaborationsmöglichkeiten einmal bis ins Unendliche erweitert hat, wo bleibt dann das Konstrukt des einsamen Genies?

An einem frühlingshaften Maimorgen haben wir uns deshalb im glänzend-weißen Mercedes-Benz CLS 500 aufgemacht, um zwischen Berlin, diversen norddeutschen Stationen und schließlich Dänemark sechs verschiedene Kreativkonstellationen zu besuchen, die allein, kollektiv oder als hybride Mischform ihre konkreten Ziele verfolgen. Im Rahmen unserer Recherche haben wir ihnen die obigen Fragen gestellt.

[Kraftstoffverbrauch kombiniert: 9.0 l/100 km, CO2-Emissionen kombiniert: 209 g/km*]

Das Ergebnis dieser spannenden Reise teilen wir an dieser Stelle gern mit allen Interessierten. Teil 2 des Road-Trips folgt in Kürze!

Erster Halt: das Kreuzberger Studio von Dirk Bonn
„Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass demokratische Konzepte wirklich funktionieren. Mir schwebt für meine geplanten Projekte normalerweise ein relativ klares Konzept vor, so dass ich besser selbst den Ton angebe. Das ist keine Frage des Absolutismus – ich bin schließlich kein Alleinherrscher – aber ich möchte natürlich, dass das Team meine angedachte Richtung einschlägt, was wiederum etwas Anleitung erfordert“, erklärt der interdisziplinär agierende Berliner Dirk Bonn bei unserem Studiobesuch in Berlin-Kreuzberg. Und wenn er sich dann leger aus dem Studiofenster im ersten Stock lehnt, Zigarette im Mundwinkel und Handy am Ohr, dann entspricht er haargenau unserem Bild des modernen Kreativen: In seinen hellen, großzügigen Räumlichkeiten tummeln sich die Versatzstücke eines Lebens am Rande des Kulturbetriebs. Als Schreiner, Videokünstler, Artdirektor und ehemaliger Skate-Shop-Besitzer hat Bonn mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte in der Kreativbranche auf dem Buckel. Und sein professioneller Werdegang lässt ein Händchen für Kollaborationen erahnen: 2010 verlieh er dem Berlin Nike Stadium, einem Mehrzweck-Event-Space des Sportartiklers, einen neuen Look und 2007 präsentierte er gemeinsam mit Modeikone Bernhard Willhelm einen eigenen Film auf der Athener Biennale. Ansonsten entwirft er z. B. zusammen mit Architekt Efe Erenler Installationen für den Berliner No. 74-Store oder – in anderen Konstellationen – für Boss Black, Wolfgang Joop oder auch Michalsky.

Dirk Bonns großes Studio schafft Raum für ebenso große Träume – und ihre konkrete Umsetzung: „Man braucht einen Spielplatz, um seinen Ideen freien Lauf zu lassen.“ Wer dabei einmal etwas Ruhe braucht, kann sich in ein Einzelbüro zurückziehen; wer mag, legt in der Werkstatt Hand an oder stöbert zwecks Inspiration einfach in den Regalen die, gefüllt mit Lichtinstallationen, Kunstbänden und Magazinen, sämtliche Wände des Studios bedecken. Direkt in der Mitte des Raums wartet ein Sticker-überzogener roter Picknicktisch, der – so Bonn – „meinen Arbeitsstil perfekt auf den Punkt bringt. Ich setze auf Emotionen: In absolut jedem Skate-Video der 1990er ist dieser klassische, amerikanische Picknicktisch zu sehen, den Skater für ihre Tricks zweckentfremden. Er ist mittlerweile ins kollektive Gedächtnis eingegangen und wird bei allen, die in den 1990er Jahren selbst Skater waren, automatisch entsprechende Emotionen hervorrufen. Das ist meine Arbeitsgrundlage und Prämisse.“
Ausgangspunkt für Bonns Projekte bleibt also ein eigenes, persönliches Erlebnis oder eine Erinnerung. Sobald das Konzept dann steht, sucht er sich entsprechende Mitstreiter, die ihm bei der Entwicklung einer neuen Ausdruckssprache und -form für dieses Projekt unter die Arme greifen. „Im Idealfall hat man als Künstler eine klare Vision, die dann in Zusammenarbeit mit anderen Form annimmt.“

Weiter nach Hamburg: ein Nachmittag Uwe Jens Bermeitingers Wohnung
Nach ein paar Stunden im sportlichen CLS 500 auf der A24 zwischen Berlin und der Hansestadt besuchen wir Uwe Jens Bermeitinger, den Gründer und Chefredakteur des TISSUE-Magazins, in seiner Hamburger Wohnung, die auch als Redaktionsbüro dient. Magazine sind von Natur aus kollaborativ (wenn man einmal bedenkt, wie viele Autoren, Fotografen und Redakteure zu jeder Ausgabe beitragen), doch TISSUE geht dieses Thema und Format etwas anders an. „Ich bin derjenige, der die Vision und Richtung des Magazins bestimmt, und das tue ich gern im Alleingang“, so Bermeitinger. „Natürlich kann ich mich dabei auf Unterstützung verlassen – aber wenn ich mich nicht voll und ganz dafür einsetze, dann werden es die anderen auch nicht tun.“ Obwohl er sein Projekt scherzhaft als „Ein-Mann-Betrieb“ bezeichnet, betont der Art Direktor, dass er dabei stets viel Hilfe erhält, denn TISSUE steht und fällt mit den jeweiligen Kollaborationen. „Ich kontaktiere Künstler und Fotografen, mit denen ich unbedingt einmal zusammenarbeiten möchte. Dabei überlege ich mir natürlich im Vorfeld, was jeder von ihnen zum Heft beitragen könnte, damit es auch in das Magazinkonzept passt, aber letztendlich lasse ich ihnen freie Hand – denn dadurch entstehen die besten Ergebnisse.“

Für jede Ausgabe veranschlagt er etwa ein halbes Jahr, und wenn dann alle Inhalte stehen, setzt sich Bermeitinger selbst an das Design. „Darum mache ich TISSUE überhaupt – ich möchte letztendlich genau das veröffentlichen, was ich selbst gern gestalten würde.“ Ironischerweise verfolgt er dabei zwar seine ureigene Vision – doch die scheint von vielen geteilt zu werden, wenn man den Erfolg und Ruf von TISSUE bedenkt.

Im Herzen Hamburgs: Hui-Hui hoch drei 
Nicht jeder strebt eine derart strikte Aufgabentrennung an, doch manchmal kann eine kleine Dosis davon auch ganz eigene Früchte tragen. Wir trafen das Hui-Hui-Modekollektiv in ihrem Hamburger Innenstadtstudio, um ihren charakteristisch bunten, doch tragbaren Stil, der eine gelungene Gratwanderung zwischen Kunst und Mode wagt, einmal aus nächster Nähe zu begutachten. Mit skulpturartigem Faltenwurf, eigenwilligen Strickwaren, Digitaldrucken gemalter Bilder und Installationen sowie den stets leuchtenden Farben mischen Anne Schwätzler und die Schwestern Katharina und Johanna Trudzinski den deutschen Modemarkt kräftig auf. Allerdings sind die drei Mitglieder des Kollektivs auf verschiedene Städte verteilt. Während Anne (Hamburg) und Johanna (Antwerpen) das Design der Marke prägen, entwirft Katharina (Berlin) Textilien. Diese Art der Zusammenarbeit funktioniert trotz der häufigen geografischen Trennung seit 2002 ganz hervorragend: Die temporäre Autonomie scheint sie sogar noch zu beflügeln. „Normalerweise setzen wir uns für längere Phasen zusammen, um die Winter- und Sommerkollektionen vorzubereiten, und das ist dann immer eine sehr intensive und tolle Erfahrung“, so Anne. „Wir suchen die richtigen Stoffe, Farben oder Themen aus und skizzieren dann erste Entwürfe und Ideen. Doch sobald das Grundkonzept der Kollektion steht, trennen wir uns wieder und arbeiten alleine an der Gestaltung weiter. Und dieses Hin und Her zwischen Hamburg, Berlin und Antwerpen sorgt dafür, dass der Alltag nie langweilig wird.“

Skype-Austausch, intensive Interaktion und der internationale Arbeitsplatztausch scheint sich für das Trio auszuzahlen: Hui-Hui haben nicht nur 11 Jahre im harten Mode-Business überstanden (was für ein Indie-Label nicht unbedingt selbstverständlich ist), sondern zählen auch zu den aktuellen Favoriten der Einkäufer und Boutiquen, die diese Fusion aus Kunst, Mode und Avantgarde sehr zu schätzen wissen. Andererseits bleibt es ein offenes Geheimnis, dass Kreative ab und zu Zeit etwas für sich selbst brauchen, ob im Kollektiv oder als kreative Einzelgänger. „Jeder von uns hat sein eigenes Leben“, ergänzt Anne.

Ganz im Geist der beschriebenen Reise entstand auch dieser Beitrag im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem SLEEK Magazine.

Teil 2 unseres Road-Trips erscheint in Kürze. In der Zwischenzeit kann man auf www.sleekmag.com mehr erfahren.