Auf einem Roadtrip mit Fashion Fotograf und Globe-Blogger Yvan Rodic durch 1200 km Maghreb-Landschaft diskutieren wir, wie eine neue Generation ihre Identität aus Teilen der Welt kreiert.

Yvan Rodic © Hadassa Haack

Yvan Rodic © Hadassa Haack

Marokko ist ein Land der Kontraste. Von Tangers weißen Mauern und mediterranem Klima über atlantische Surfstrände und das berühmte Blau im gebirgigen Chefchaouen geht es durch die rote Sandwüste nach Marrakesch. Hier setzen junge Kreative international Zeichen in Sachen Mode, Film und Design, während Kunsthandwerker in versteckten Gassen die jahrhundertealten Traditionen und Werte ihrer Vorfahren hochhalten – oder Modehäuser wie Prada und Armani in Casablancas glamouröser Morocco Mall residieren.

Autofahren erfordert in Marokko höchste Konzentration und Nerven wie Stahlseile. Scheinbar todesmutige Jugendliche auf Mofas, alte Männer mit überladenen Rädern, Eselskarren ohne Rückspiegel und kraterähnliche Schlaglöcher verwandeln jede Fahrt in ein unfreiwilliges Abenteuer.

Nicht weniger anspruchsvoll und herausfordernd gestaltet sich der Alltag eines Streetstyle-Fotografen. Anders als bei den großen Fashion Weeks warten im globalen Straßengetümmel keine gestylten Modemenschen auf ihren großen Auftritt. Ganz im Gegenteil: Mögliche Motive zeigen sich meist eher abgeneigt und erwarten oft ein Trinkgeld (Kinder), oder möchten gar nicht erst abgelichtet werden (ältere Menschen in ländlichen Gegenden).

Glücklicherweise ist der Schweizer Yvan Rodic – in Modekreisen als FaceHunter bekannt – Herausforderungen nicht abgeneigt. Nach seiner jüngsten Exkursion, einer wüsten Tour de Force durch ganz Armenien, kann ihn so leicht nichts mehr aus der Ruhe bringen. Selbst im Gewirr von Marrakeschs Medina, in der unser GPS an seine Grenzen stößt und der Wahnsinn beginnt, bleibt der digitale Nomade bzw. selbsternannte Blog-Trotter, dessen zwei Webseiten monatlich etwa eine Million mal aufgerufen werden, die Ruhe selbst – und sucht nach genau der Einstellung, die den Geist der Stadt und seiner Bewohner perfekt einfängt.

Nach unserem dreitägigen Intensivabenteuer (welches im obigen Film eingefangen wurde)  gönnen wir uns eine Pause auf der Dachterrasse unseres Riads in Marrakesch – und ziehen eine kurze Bilanz.

[Kraftstoffverbrauch kombiniert: 4,5–4,2 l/100 km | CO2 Emissionen kombiniert: 117–109 g/km*]

Yvan, dies war deine erste Reise nach Marokko. Welchen Eindruck hast du von diesem Land gewonnen?
Marokko ist einfach unglaublich vielfältig: Gerade in Sachen Ästhetik, Deko, Architektur und Innendesign ist die lokale Kultur sehr detailverliebt. Egal, wo man gerade ist – es wirkt alles sehr sensibel und durchdacht komponiert. Auch die Kontraste sind spannend. In einer Straße wird man vielleicht mit Armut und Rückständigkeit konfrontiert, doch gleich nebenan steckt man wieder mitten im 21. Jahrhundert. 

Für deinen Job musst du deine Motive direkt ansprechen – war das hier anders als in anderen Ländern?
In Rabat war es eher einfach, denn die Stadt zählt zu den größeren Metropolen und die Leute dort sind besser vernetzt. Sie sind an den Umgang mit Fremden gewöhnt – ganz anders als auf dem Land. Auch Marrakesch ist sehr offen und vielfältig, doch mittlerweile so touristisch, dass viele nicht mehr fotografiert werden möchten. Es ist also nicht immer einfach, aber auch ein interessanter Lernprozess. Wie kann man Leute am besten ansprechen, ohne ihnen zu Nahe zu treten oder sie zu nerven? In Sachen Überzeugungsarbeit war dies wahrscheinlich eine meiner bisher schwierigsten Touren.

Einerseits lichtest du gern schöne, stilsichere Menschen aus der Modewelt ab. Andererseits verlässt du oft eingetretene Pfade, um stattdessen das ungeschminkte, authentische Leben einzufangen. Fällt es dir manchmal schwer, diese beiden Welten unter einen Hut zu bringen?
Natürlich gibt es klare Unterschiede, aber sie ergänzen sich auch gut. Auf Yvan Rodic kommen klassische und moderne Elemente zum Zug. Bei dem FaceHunter-Blog dreht sich fast alle um urbanen Stil, aber auch dort lasse ich ab und zu traditionellere Aspekte einfließen. Ich mag die Mischung! In den letzten Jahren ist das Bloggen immer glatter geworden – fast zu sauber und markenaffin – deshalb streue ich gern unbekanntere Ziele ein oder poste z.B. einen alten Mann in traditioneller Kleidung zwischen perfekt gestylten Frauen.

Im Netz wird unglaublich viel publiziert. Wie können jüngere Leute, die in deine Fußstapfen treten möchten, überhaupt noch aus der Masse herausstechen? Und in welche Richtung entwickelt sich deine Arbeit?
Die meisten reisen einfach den Fashion Weeks hinterher und fotografieren z.B. in Paris ein paar berühmte Redakteure vor den Shows. Das scheint zu funktionieren, wird aber schon von so vielen Bloggern praktiziert, dass man dann einer unter vielen bleibt. Meine Empfehlung wäre eher, sich eine eigene Nische zu suchen, die eine andere Geschichte erzählt. Bei mir persönlich dreht sich alles um Reisen und Neuentdeckungen – und beweist nebenbei, dass die großen Modemetropolen sicher kein Monopol auf Stil haben. Auch in Jakarta, Marrakesch oder Lima findet man stilsicher gekleidete Menschen.

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Wo wir schon beim Thema Reisen sind: Du wechselst wöchentlich – und manchmal sogar täglich – die Stadt. Muss man dafür von Natur aus extrovertiert sein?
Ich war früher deutlich introvertierter, aber weil ich einfach gern neue Ecken der Welt entdecke, hat sich das allmählich gegeben. Man muss allerdings bereit sein, Menschen anzusprechen – so trifft man Leute, die einem nebenbei von einem Festival erzählen oder die dich dann wiederum ihren Freunden vorstellen. Nur so lernt man neue Länder besonders gut kennen, ohne direkt den Reiseführer zu zücken.

Wie packt ein Profi für mehrmonatige Reisen?
Sei immer auf jedes Klima vorbereitet – Lamawollmütze für arktische Kälte und Espadrilles für tropische Hitze – um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.

Abgesehen von deiner Ausrüstung: Worauf könntest du nie verzichten?
Meine Rimowa-Koffer, Avocados und Kokoswasser.

Du hast mittlerweile unzählige Länder und Kulturen kennengelernt. Gibt es irgendetwas, was alle vereint?
In Zeiten digitaler Medien definieren sich immer weniger Menschen über geografische Aspekte. Sie fühlen sich weniger einem Land zugehörig als einer globalen Generation. Relativ neu ist zum Beispiel der weit verbreitete Wunsch, die eigene Identität selbst zu definieren. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die Menschen schlicht Opfer ihres Schicksals. Unsere Großeltern wurden in eine bestimmte Situation, Familie oder Nation hineingeboren, die automatisch ihren Stil, ihr Handeln und ihr Leben bestimmte. Heutzutage verstehen sich junge Menschen als Kuratoren ihres eigenen Lebens und Auftretens. Ob in Marokko, Australien oder Brasilien: Alle lesen Blogs, hören so ziemlich jede Musik, feilen an ihren On- und Offline-Profilen – und bedienen sich dabei unterschiedlicher Kulturen und Epochen. Für mich ist das eine neue Creole Culture oder Mischkultur: Wir formen unsere Identität aus globalen Versatzstücken.

Was genau interessiert dich auf deinen Reisen?
Besonders spannend finde ich, wie unterschiedliche Kulturen gleichzeitig einzigartig und unverwechselbar und trotzdem Teil der Globalisierung sein können. Das ist wirklich faszinierend: Einerseits bewegen wir uns als Einzelne und Gesellschaft auf etwas zu, das Gleichmacherei fördert, aber andererseits bewahren wir uns dabei etwas ganz Eigenes. Jedes meiner Fotos ist eine visuelle Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch.

Wofür möchtest du den Menschen gern in Erinnerung bleiben?
Für die Vielfalt der Gesichter, die ich an allen Ecken und Enden der Welt eingefangen habe. Aber ganz besonders für meine Einblicke in die absolut moderne Ästhetik und Kultur von Städten, die entweder noch relativ unerschlossen oder eher für ihre Traditionen bekannt sind.

Danke Yvan – du warst ein perfekter Reisebegleiter.  

Unseren Film zum Roadtrip gibt es oben zu sehen (Kamera und Regie: Brett Novak) und Yvans visuelles Tagebuch hier unten. Mehr auf Yvan Rodics eigener Website (mit weiteren Fotos) hier und hier.

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Fotos, soweit nicht anders angegeben © Yvan Rodic