Surreal. Gefühlvoll. Frei
Manchmal bedarf es nicht vieler Worte oder eines Masterplans – mit Spaß am gemeinsamen Spielen und einer gehörigen Prise Inspiration starteten Patrick Watson aus Kanada ihre Band und feilen seitdem am perfekten Popsong
Seit fast zehn Jahren spielen die vier Mitglieder von Patrick Watson zusammen, und weben aus den unterschiedlichsten Einflüssen einen gemeinsamen Sound. Verbunden durch eine ungebrochene Leidenschaft zur Musik sind sie mittlerweile weit mehr als der Mann am vorderen Bühnenrand nach dem sie benannt sind: Patrick Watson sind vier ambitionierte, eigenständige Musiker und Songwriter, die uns wie selbstverständlich mit emotionalen Kleinoden wie The Great Escape (vom Album Close To Paradise, 2006) beglücken. Elegisches Klavier, Patricks eindringliche Stimme, fertig ist eine wahre Perle … und eines der wohl beeindruckendsten Alben des damaligen Jahres.
Nebenbei brillierte der kanadische Kopf der Band als Gastsänger und Songschreiber des Cinematic Orchestra, ließ sich durch diesen Exkurs zur Komposition von Film-Soundtracks inspirieren, u. a. für den kanadischen Indie-Klassiker Ich schwör ich war’s nicht (OT: C'est pas moi, je le jure!) und erweiterte seine ohnehin extensive Live-Erfahrung auf Touren mit John Cale, Steve Reich, Feist und James Brown.
Wir trafen den sympathischen Frontmann am Nachmittag vor seinem Konzert in der Berliner Passionskirche. Dort kam die ausgefeilte Bühnenvisualisierung der Band besonders gut zur Geltung. Entspannt, ausgeglichen und absolut allürenfrei plauderte er schon vor dem Interview über deutschen Humor oder Nick Caves Launen – und ließ sich auch von einem spontanen Platzregen keinesfalls die Laune verderben. Mehr noch: der fokussierte Sänger überrascht später mit seiner feinfühligen Wahrnehmung in einem der zerbrechlichsten Momente des Konzerts als eine Glasflasche über den Kirchboden rollte. Er hielt einfach inne und musste sogar grinsen: „That’s a nice sound!“
Wer ist/ sind Patrick Watson?
Man muss sich das so vorstellen: als wir dieses Projekt anfingen, haben wir nicht darüber nachgedacht eine Band zu sein. Wir waren vielmehr diejenigen Künstler, die als Kunstinstallation fungierten, wir stellten das Backevent für die Visuals dar. Und als wir begannen, gemeinsam Shows zu machen, hatten wir Spaß daran und überlegten uns, auch selbst Konzerte zu geben. Und da ich derjenige war, der die Songs schrieb, nannten wir uns Patrick Watson. Als es dann zu Close To Paradise kam und wir an verschiedenen Orten spielten, war es schwierig den Namen zu ändern, weil sich schon jeder daran gewöhnt hatte und unsere Musik unter dem Namen Patrick Watson kannte. Und so sind wir bei dem Namen geblieben. Also sind wir vier Typen mit verschiedenen musikalischen Hintergründen, die seit 10 Jahren zusammen Musik machen. Keiner von uns hatte jemals die Ambition, Rockstar zu werden. Wir wollten einfach nur zusammen Musik machen und Konzerte geben.
In welchem Genre würdest du Patrick Watson verorten?
Popmusik. Popmusik ist ein sehr heiterer Begriff. Im Ursprung ist Popmusik Musik für Menschen. Sie handelt vom alltäglichen Leben der Menschen. Mal ein einfaches Beispiel: die Beatles, die machen Popmusik, richtig? Es ist komisch, dass jeder das so sieht, denn die Beatles haben so viele verschiedene Einflüsse. Was ist denn mit dem Song A Day in the Life? Der fängt wie ein gewöhnlicher Song an und verwandelt sich dann in einen klassischen Song mit Orchester und ufert förmlich aus. Wenn das Popmusik ist, dann mache ich auch Popmusik. So sehe ich das immer.
Nenne drei Wörter mit denen du eure Musik beschreiben würdest!
Das ist schwierig. Also: Surreal. Gefühlvoll. Frei. Das mag zwar ein bisschen kitschig klingen, aber ich meine es nicht im Sinne von Freiheit und Menschenrechten. Sondern eher insofern, dass wir verschiedene Geschichten erzählen und nicht darüber nachdenken, aus welchem Musikgenre wir uns bedienen, ob klassisch oder Country-Western. Wir erzählen einfach eine Geschichte und überlegen nicht, von woher wir beeinflusst wurden. Musik ist Musik.
Wovon handelt der Song Great Escape? Soll er eine bestimmt Botschaft übermitteln?
Nein, soll er nicht. Für mich geht es bei Musik nicht darum eine bestimmte Botschaft zu übermitteln. Musik ist mehr eine Sammlung von Gedanken und die Aufgabe ist es, die Menschen zu inspirieren und möglichst verschiedene Blickwinkel auf Dinge aufzuzeigen. Es geht nicht darum, dass Menschen eine bestimmte Sicht darauf haben. Es ist, wie wenn man sich die Kopfhörer aufsetzt und sich deine Umwelt verändert. Musik verändert deine Umgebung. Für mich ist es immer wenn ich Klavier spiele. Ich schließe einfach meine Augen, spiele und bin dann weit weg. Und so war es auch bei Great Escape. Den Song habe ich an einem Tag geschrieben, an dem alles schief ging: mein Telefon wurde gesperrt, der Strom wurde mir abgedreht. Ich schrieb dann diesen Song und behandelte den Tag wie einen Charakter: eine kleine, hässliche, fette, absurde Figur, die entschieden hat, wegzufahren, weil sie ein „Scheißtag“ ist. Also einfach eine Geschichte zu dem Tag. Sozusagen eine humoristische Weise, mit einem beschissenen Erlebnis umzugehen.
Welcher der zahlreichen Künstler, mit denen ihr bereits auf der Bühne standet, hat euch am meisten inspiriert?
Wer mir zuerst einfällt – und das mag so manchen überraschen – ist James Brown. Er inspiriert nicht unbedingt im musikalischen Sinn. Wenn man Soulmusik hört, denken viele Menschen an Party und Saufen und Tanzmusik. Ich glaube, das habe ich auch gedacht: James Brown ist gleich große Party. Was ich aber von der Tour damals gelernt habe, ist, dass Soulmusik eine Art Religion ist. Während jeder Show gab es ein zwanzigminütiges Gebet. Die graziöse, anmutige Art und Weise mit der sie die Bühne auch nach so langer Zeit noch einnehmen. Wir waren damals noch sehr jung und haben diese Haltung damals mit auf den Weg bekommen, dass wir es immer zu schätzen wissen, auf der Bühne zu stehen und Musik für Menschen zu spielen – eine große Ehre.
Gibt es einen Film, zu dem du gern die Filmmusik geschrieben hättest oder schreiben würdest?
Mein absoluter Lieblingsfilm ist Donnie Darko. Ich will nicht sagen, dass ich gerne den Soundtrack dazu geschrieben hätte, denn die Musik in dem Film ist schon großartig. Ich könnte mir vorstellen, ein paar verrückte Sachen für Wild Things zu machen. Aber ich kann nicht wirklich sagen für welchen Film, nein.
Patrick Watsons Adventures In Your Own Backyard ist gerade erschienen. Was hat sich an eurem Sound verändert? Was ist neu?
Es ist schon sehr unterschiedlich im Gegensatz zum vorherigen Album aber dann auch wieder recht ähnlich. Und so waren wir ein Jahr lang im Studio bis wir zu diesen Songs kamen. Was mir an diesem Album auffiel ist, dass wir viele verschiedene Einflüsse haben – und schon immer hatten. Es passt einfach alles sehr geschmeidig zusammen und unsere Auswahl ist dominanter als die einzelnen Einflüsse. Das ist uns wirklich gut gelungen dieses Mal.
Welcher Newcomer wird deiner Meinung nach in diesem Jahr noch groß herauskommen?
Eine aufstrebende Band aus Montreal ist The Barr Brothers. Die sind großartig. Und eine andere Band, ebenfalls aus Kanada, vielleicht ist sie auch schon hier bekannt: Timber Timbre, meine Lieblingsband aus Kanada. Wenn man diese Musik hört wird man sofort süchtig danach. Man muss sie einfach lieben. Sie sind noch ein echter Geheimtipp.
Das neue Album von Patrick Watson Adventures In Your Own Backyard ist seit dem 20. April via Domino Records erhältlich und typisch Patrick Watson: legendär, einzigartig und ausgesprochen sympathisch – ganz wie die Band auf der Bühne.
Mehr Informationen zu Patrick Watson: www.adventuresinyourownbackyard.com
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