Der Kreativität zugewandt
Die Frage, ob Berlin eine Modestadt ist? Längst beantwortet. Die deutsche Hauptstadt ist zum Mekka für all diejenigen geworden, die kreativ und der Zukunft zugewandt arbeiten. Das zeigt auch das gemeinsame Filmprojekt des britischen Zeitgeistmagazins Dazed & Confused und Mercedes-Benz
Berlin scheint angekommen – zumindest als Modestadt. Wo in anderen Modemetropolen die Shows von großen Namen dominiert werden, bietet Berlin vor allem dem Designer-Nachwuchs eine optimale Plattform. Insbesondere für skandinavische, osteuropäische und asiatische Designer, Einkäufer und Trendsetter scheint Berlin das coole Kreativ-Mekka. Und so ist den ersten, zaghaften Hoffnungen endlich die Gewissheit gewichen, eine eigene Nische in der internationalen Modewelt gefunden zu haben. Wie die aussieht, zeigt der zweite Kurzfilm des Fashion Broadcasting-Projekts von Dazed & Confused und Mercedes-Benz. Ein Porträt innovativer, frischer Talente während der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin, das zeigt, dass sich ein Blick auf die Modeszene abseits der tonangebenden Metropolen ebenso lohnt.
„Meine Freunde und ich galten immer als Sonderlinge, als Nerds“, sagt Steven Tai, und feiert dieses Außenseitertum ganz selbstbewusst in seiner Debüt-Kollektion mit der er im April schon zu den Gewinnern des Mode-Festivals in Hyères gehörte. Im ostchinesischen Macao geboren, zog seine Familie als er zehn Jahre alt war ins kanadische Vancouver, mit 22 ging er nach London, um am renommierten Central Saint Martins College zu studieren. Sprich, Tai weiß, was es heißt, erst einmal der Außenseiter zu sein. Geholfen hat ihm in dieser Zeit vor allem eins: das Lesen. Das hat er in seinen Kreationen in abstrakte Motive übersetzt. So stapelt er lagenweise Stoffbahnen wie Buchseiten zu voluminösen Konstruktionen oder verwendet Füllfederhalter als Applikationen wie ein Schutzschild gegen jegliche Arroganz. So erinnern Tais Entwürfe nicht ohne Grund an die großartigen, konzeptionellen Kunstwerke der japanischen Modeikone Rei Kawakubo und ihres Labels Comme des Garçons.
Was es bedeutet, frei und experimentell mit Mode zu arbeiten, weiß vor allem auch der kreative Modenachwuchs aus Berlin. Statt tragbarer Mode, die sich verkaufen muss, sind neugedachte Interpretationen, frische Designs und ein radikaler Umgang mit altbekannten Materialen und erlerntem Handwerk ein Muss. Das Ergebnis: eine wahre Explosion von bunten bis musterreichen Stoffen. Von schweren, langen, kurzen oder zarten Materialien und außergewöhnlicher Verarbeitung, bei denen Kreativität und innovative Materialen eine bedeutendere Rolle spielen als gängige Markttrends.
Insbesondere die Kollektionen der Absolventen 2012 waren dafür das beste Beispiel: Alba Prat, die mit einem strikten, synchronen Farbspiel à la Raf Simons überzeugte und sich von den Arbeiten des deutschen Künstlers Carsten Nicolai inspirieren ließ. Oder Lars R. Bostroem, der für seine roten Roben die Selbstportraits von Tracey Emin als Vorbild sah. Und Adriana Quaiser, die gekonnt mit zeitlosen Mustern und neu entwickelten Stoffen spielte. Ein gutes Beispiel dafür, dass Berlin vielleicht keine Konkurrenz für Paris oder New York ist, die Stadt aber eins hat, Vielfalt.
Hemden, Jacken, Hosen in Grau, Blau und Schwarz, einfach gehalten und im wahrsten Sinne minimalistisch. Auf den ersten Blick könnte man die Entwürfe von Ubi Sunt als „typisch schwedisch“ bezeichnen. Kein Wunder, in Stockholm wurden Moa Wikman und Aidin Sanati schon früh von tragbarer Mode und vielen gut angezogenen Menschen geprägt. Doch schon der Firmenname verrät, dass hinter den Entwürfen der beiden Designer weit mehr als nur tragbare Mode steht. Ubi Sunt, lateinisch für „Wo sind sie (geblieben?)“, gilt in der Lyrik als Motiv, das von der Vergänglichkeit des Lebens erzählt. Wikman und Sanati arbeiten nach einem ganz ähnlichen Prinzip: die Würdigung vergangener Errungenschaften. Auch ihre kommende Frühjahr/ Sommer-Kollektion 2013 ist trotz lässiger Sportswear-Elemente geprägt von dieser Reminiszenz. Die weich fallenden Pullover entstanden mithilfe einer Stricktechnik aus dem 19. Jahrhundert und ihre überweiten Hosen wirken wie Erbstücke aus den dreißiger Jahren. Durchdachter Purismus, der nicht trennt zwischen schöner Form, intellektuellem Anspruch und guter Funktion.
Den Film von Dazed & Confused und Mercedes-Benz sehen Sie per Klick auf das obige Bild.


