Der Sci-Fi Designer
Wie kam das futuristische Cockpit des Mercedes-Benz Concept A-CLASS zustande? Interior Designer Jan Kaul über seinen Arbeitsalltag, ungewöhnliche Einflüsse und den Millennium Falcon
Designer genießen in der Außenwelt oft einen bestimmten Ruf. Doch Jan Kaul zählt sicher nicht zu den kreativen Geistern, die erst nachmittags am Arbeitsplatz auftauchen, sofort ausgedehnte Kaffeepausen einlegen und dann deutlich später, weit nach Sonnenuntergang, mit genialen Geistesblitzen auftrumpfen.
Als Interior Designer bei Mercedes-Benz hat Jan Kaul u.a. das mutige, flugzeuginspirierte Innendesign des Concept A-CLASS entworfen – und damit ein entscheidendes Molekül der Mercedes-DNA. Trotz seines eher lässigen Auftritts geht er dabei mit vorbildlicher Arbeitsdisziplin zur Sache und reichert die Mercedes-Benz-Ästhetik mit Einflüssen aus Flugzeug- und Yachtdesign an.
Im Video (siehe oben) erklärt Jan Kaul gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Exterior Designer Mark Fetherston, wie dieser Designprozess genau funktioniert – von der ersten Skizze bis zum fertigen Modell. Nebenbei erfahren wir auch, wie sein Team in kaum sechs Monaten eine komplette Studie perfektionieren konnte, die ästhetisch irgendwo zwischen Düsenjet und Auto angesiedelt ist. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt eine weitere wichtige Inspirationsquelle im Cockpit: Jan Kaul ist großer Star-Wars-Fan. Und am glänzenden Ergebnis hätte auch Prinzessin Leia nichts auszusetzen gehabt.
Doch wer genau steckt hinter diesem Showcar-Konzept? Jan Kaul im Gespräch mit mb!:
Was fasziniert sie am Interior Design?
Mich fasziniert vor allem die Komplexität und Vielseitigkeit. Für mich treffen beim Interior-Entwurf Transportation Design, Architektur, Möbeldesign und Produkt-Design auf spannende Art und Weise aufeinander. Wir entwickeln Designthemen vom ganzheitlichen Cockpit mit Instrumententafel, Türen, Mittelkonsole und Sitzen bis hin zu filigranen Bedienelementen zum Beispiel am Lenkrad. Eine besondere Herausforderung dabei sind Ergonomie, Haptik, Crashanforderungen sowie Mercedes-Benz’ allerhöchste Ansprüche an Wertigkeit, Präzision und Liebe zum Detail miteinander zu verbinden.
Wie sind sie dazu gekommen und wann haben sie Ihr Interesse dafür entdeckt?
Nach dem Designstudium habe ich bei einer Designfirma in München an Designkonzepten für Flugzeuge und Yachten gearbeitet. Advanced Design Studien für den Airbus A380, Interior Designs für Privat-Jets, First Class und Business Class-Sitze für Lufthansa, Singapore Airlines und Quantas sowie Innendesigns für Yachten zählten zu den äußerst interessanten Projekten, die mir die Gelegenheit gaben, in unterschiedlichsten Bereichen Erfahrung zu sammeln.
Was ist für sie das Besondere bei der Gestaltung des Innenraums eines Autos? Und speziell beim Concept A-CLASS?
Beim Concept A-CLASS war für uns sicherlich besonders interessant etwas zu entwickeln, das man vielleicht von Mercedes und speziell von einer A-Klasse nicht erwarten würde. Etwas, das eine ganz neue, deutlich jüngere Generation von Mercedes-Benz Kunden ansprechen soll. Sportlich, dynamisch, aufregend, modern und mutig. Etwas, das einen sagen lässt: „Wow! Das ist ein Mercedes, den mein Vater nicht kaufen würde." Wir sind beim Interior Design des Concept A-CLASS ganz neue Wege gegangen und haben ganz besonders daran gearbeitet, dass sich Form und Materialien auf eine spektakuläre Art und Weise ergänzen und unterstützen.
Wie verläuft der Design-Prozess?
Nach einer ersten Ideenfindung entwickeln wir aus einer Vielzahl von Skizzen ganzheitliche Konzepte. Die vielversprechenden präsentierten wir dann in sehr detaillierten Renderings Gorden Wagener (Anm. Red.: Mercedes-Benz Designchef). Mit ihm entscheiden wir dann, welche Richtungen am meisten Potential haben und beginnen im Anschluss bei einem Serienauto mit der CAD Umsetzung. Beim Concept A-CLASS haben wir allerdings direkt mit einem Full Scale Tonmodell, das basierend auf den exakten CAD Daten des Serienautos A-Klasse gefräst worden war, die Umsetzung weiter voran getrieben. So haben wir den ausgewählten Entwurf direkt 1:1 verfeinert und ausgearbeitet, um dann schlussendlich das Concept A-CLASS fertig zu stellen – so wie man es in Shanghai bei seiner Weltpremiere bewundern konnte. Von der ersten Skizze im August letzten Jahres bis zum Designfreeze waren dies nur knapp 6 Monate.
Wovon lassen sie sich dabei inspirieren?
Ich lasse mich gerne von Dingen inspirieren, die eigentlich auf den ersten Blick gar nicht so viel mit Autos zu tun haben: Architektur, Natur, Kunst, Grafik oder vielleicht auch einfach nur positive Eindrücke und Erinnerungen der letzten Reise. Wichtig sind dabei aber immer auch unsere Designstrategien und eine Mercedes DNA, die irgendwo in jedem Entwurf klar kommunizieren soll: dies ist ein Mercedes-Benz!
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei ihnen aus?
Das Klischee vom Kreativen, der erst am Nachmittag im Studio erscheint, erstmal einen Prosecco trinkt, und dann spät am Abend plötzlich noch den genialen Einfall hat, kann ich leider nicht bestätigen. Wir sind im Design Teil des Entwicklungsbereichs und somit natürlich in sämtliche Prozesse involviert. Das bedeutet, dass man als Designer neben aller Kreativität aber auch an sehr vielen wichtigen Abstimmungsrunden und Meetings teilnimmt oder Präsentationen vorbereitet und koordiniert. Nichts desto trotz sind natürlich das Entwerfen und die Umsetzung am Modell wichtigster Teil unserer Arbeit.
Design ist ein fortlaufender Kreativprozess, wie schalten sie ab?
Eigentlich schalte ich nicht ab. Ich habe auch gar nicht das Bedürfnis. Ich habe das Glück, einen Beruf auszuüben, der gleichzeitig auch mein Hobby ist und mir unheimlich viel Spaß macht. Kreativ zu sein, etwas Neues zu erschaffen und das Ergebnis irgendwann als Mercedes auf der Straße zu sehen, sind Motivation und Antrieb ohne Zwang. Außerdem unterscheiden sich meine Projekte so sehr, dass nie Langeweile aufkommt. Dem Stress im Berufsalltag jenseits der Kreativität entkomme ich beim Mountain biken, Joggen, Tennis spielen und besonders in den Bergen beim Skifahren.
Gibt es den typischen Jan Kaul Look? Woran erkennt man ihn?
Der typische Jan Kaul Look? Jeans, T-Shirt und Turnschuhe. Nein, Spaß beiseite. Natürlich lässt sich jeder Designer von ganz besonderen, individuellen Eindrücken inspirieren und drückt dies auch in seinem individuellen Stil besonders in ersten Skizzen und Renderings aus. Wichtig ist aber, das Design Teamwork ist und das eine Mercedes DNA und eine schlüssige, fahrzeugübergreifende Formensprache dem individuellen Stil eines Einzelnen übergeordnet sind. Trotzdem möchte ich natürlich meinen „Fingerabdruck“ hinterlassen. Dieser entsteht in meinem Fall sicherlich bedingt durch meine Erfahrung mit Stilelementen von Yacht- und Jet-Interiors sowie Möbeln.
Welches ihrer bisherigen Designs war für sie das persönliche Highlight?
Gerne erinnere ich mich an mein allererstes Designprojekt bei Mercedes-Benz vor acht Jahren: die Sitze und Fondsitze des aktuellen E-Klasse Coupés und Cabrios. Ich finde sie nach wie vor sehr gelungen. Natürlich ist auch das Concept A-CLASS ein absolutes Highlight, gerade weil es kein Serienprojekt war und somit mehr Freiraum für Ideen ließ. Allerdings gibt es einige Highlights, auf die ich ganz besonders stolz bin, über die ich momentan leider im Detail noch nicht sprechen kann: Einen kleinen Mercedes, der im nächsten Jahr bewundert werden kann und einen sehr großen, für den man sich leider noch etwas gedulden muss.
Allgemein gesprochen, ihr absoluter Designklassiker?
Seit ich 8 Jahre alt bin - der Millenium Falcon, Han Solos Raumschiff in Star Wars. Es schafft den Korsalflug in weniger als 12 Parsec! Eine absolut unverwechselbare Form, die im Film immerhin auch Prinzessin Leia stark beeindruckte.
Ich glaube, dieses Design und auch die vielen anderen wunderbaren Details des Films prägten mich damals und ließen mich dann später Designer werden.
Danke für das Interview!
Mehr zum Concept A-CLASS und dem Designprozess bei Mercedes-Benz im obigen Video.
Mehr Informationen zum Concept A-CLASS im Webspecial.


