Die Avantgarde im Dialog

In Berlin versammeln der Designer Raf Simons und Mercedes-Benz die kreative Avantgarde und stellen nicht mehr als die Frage: wer eigentlich ist Avantgarde?

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Germaine Kruip © Willy Van der Perre
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Konstantin Grcic © Tibor Bozi
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Michael Clark © Jake Walters
mercedes-benz-magazin-peter_saville_©_anna_blessmann
Peter Saville © Anna Blessmann

„Das Spannende daran ist, dass es nicht logisch ist“, beginnt Raf Simons seine Erklärung. Er, der Designer, der sich jahrelang öffentlichkeitsscheu gab, gar verweigerte, sein Gesicht zu zeigen, Mercedes-Benz und zehn von ihm kuratierte, kreative Köpfe in Berlin – das sei unerwartet und allein deswegen schon eine Herausforderung.

The Avant/Garde Diaries - Transmission1 heißt diese Herausforderung und ist ein dreitägiges Festival auf dem vom 15. bis 17. Juli 2011 im Berliner Congress Centrum von Simons ausgewählte Künstler und Trendsetter ihre Sicht auf die Welt von heute und morgen darstellen und der Öffentlichkeit zeigen, was aus dieser unerwarteten Zusammenarbeit entstanden ist: Eine Art Manifest für die Neugier und Überwindung bestehender Grenzen. In denen letztendlich, meint Simons, jeder Antrieb für Innovation und Fortschritt liegt – nicht nur beim Entwickeln neuer Automobilkonzepte.

Sicher, auf den ersten Blick mag diese Verbindung selbst für Raf Simons ungewöhnlich gewesen sein, doch wer Simons und seine Arbeit kennt, weiß, dass es sowohl zu Berlin als auch zur Marke Mercedes-Benz prägende Verbindungen gibt – und sei es auch nur die Tatsache, dass er beim Hören von Kraftwerks Meisterwerk Autobahn von einer Fahrt im Mercedes SL R 107 träumte, wie er einst verriet. Simons, der 1968 im belgischen Neerpelt, einem kleinen Ort an der deutschen Grenze, geboren wurde und nach seinem Studium des Industriedesigns zunächst als Möbeldesigner arbeitete, bevor er ohne jegliche Ausbildung in die Modebranche wechselte, hat oft über die Inspirationen seiner Kindheit gesprochen. Dass er damals mit 14 Jahren zwischen Kühen und Bauernhöfen das Buch über Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo las und seitdem den gehaltvollen Gefühlsbildern der Stadt seiner Teenager-Sehnsüchte erlegen ist. Seine Firma, die er Mitte der Neunziger gründet, um seine Mode zu produzieren, nannte er: Detlef – nach dem Freund von Christiane F., druckte T-Shirts mit dem Slogan The Sound of Berlin und widmete seine gesamte zweite Kollektion der Stadt, in die er als Jugendlicher so gerne geflüchtet wäre. Mehr Ausdruck für Faszination kann es kaum geben. Und so beginnt für Simons die Suche nach dem, was die Zukunft sein kann mit einem sehr persönlichen Blick auf sein kreatives Werk, auf Menschen, die ihn begleitet haben, auf die Obsessionen seiner Jugend.

Raf Simons sah sich stets mehr als Beobachter, ein Vermittler dessen, was um uns herum passiert und gilt gerade deshalb als visionärster Designer unserer Zeit und dies nicht erst seit er 2005 den Chefposten bei Jil Sander übernahm. Seine Kollektionen sind Projektionen auf die Fragen, was unsere Stellung, unser Leben in einer postmodernen Konsum-Gesellschaft ausmacht. „Kleider zu entwerfen interessiert mich eigentlich weniger. Ich bin streng genommen kein Modedesigner, sondern jemand, der das Bedürfnis hat, etwas Kreatives herauszubringen. Ich entwerfe Konzepte. Der Stil und die Form von Mode haben für mich viel mit den Momenten zu tun, die unsere Gesellschaft verändern“, erklärt er seine Arbeit gern selbst und verfolgt damit einen Ansatz, der ihn zum idealen Kurator für eine kreative Plattform macht, auf der, initiiert von Mercedes-Benz, gesellschafts- und zeitrelevante Themen rund um Kunst, Mode, Musik, Innovation, Trend, Kultur und Automobil diskutiert werden sollen.

So scheint es nur richtig, dass er, dem stets die Welt der Adoleszenten aus der Vorstadt Inspiration war und der sich den Ruf eines Avantgardisten insbesondere dadurch erwarb, dass er feine Schnitttechniken mit den Codes der Jugendbewegung zusammenbrachte, seinen Diskurs mit der Zukunft vor allem in einem sucht: der Pop-Kultur. Wie bei Peter Saville, welcher der englischen Post-Punk-Szene seine kühle Coporate Identity verlieh und der mit seinen Designarbeiten für Joy Divison das Artwork für Simons Lieblingsband kreierte. Von ihrem Songtitel Transmission ist ebenfalls der Name des Festivals abgeleitet. Eine Reminiszenz auch, die Performance des schottischen Tänzers und Choreographen Michael Clark, Enfant Terrible der Achtziger, die sich auf die Zeit und Verbindung von Bowie und Christiane F. in Berlin bezieht.

Allerdings ist Simons, der in seinen Entwürfen selten auf das Gewesene zurückgreift, sondern immer versucht das Kommende zu entdecken, visionär genug, ebenso neue Vertreter der Avantgarde zu Wort kommen zu lassen. Und so gibt es neben seinen Ikonen auch Neues zu entdecken, wie die britische Band These New Puritans, die mit ihren kuriosen wie höchst experimentellen, extravaganten Industrial-Post-Punk-Klangcollagen so etwas wie ein musikalisch-künstlerisches Gesamtkunstwerk sind. Ebenso einen Ausblick auf die Zukunft bietet die künstlerische Inszenierung des Concept A-CLASS. Gemeinsam erarbeitete Raf Simons mit dem französischen Lichtkünstler Thierry Dreyfus, dem deutschen Produktdesigner Konstantin Grcic und der niederländischen Konzept- und Multimediakünstlerin Germaine Kruip eine Installation, welche die neue Kompaktwagengeneration von Mercedes-Benz, die in den nächsten vier Jahren in vier Varianten der neuen A-Klasse auf den Markt kommt, vorstellt.

Die Berliner Avant/Garde Diaries sind hierfür lediglich der Auftakt einer ganzen Veranstaltungsserie zum Zeitgeist der Avantgarde. Zeitgleich startet Mercedes-Benz ein digitales Interview-Magazin, welches den Gedanken des persönlichen Blicks eines Kurators weiterführt. So trifft der New Yorker Art Director Eddie Brannan dort beispielsweise auf den Objektkünstler Dustin Yellin oder Gallerist Johann König auf den Künstler Tue Greenfort. Woche für Woche stellen in diesem Format so namhafte Designer, Chefredakteure, Galeristen, Art-Direktoren oder Pop-Ikonen künftig Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld vor, Charaktere aus allen möglichen kreativen Bereichen, deren Ideen und Arbeiten sie inspirieren und die für sie Avantgarde und Innovation verkörpern. Und das nicht nur in Berlin.

www.theavantgardediaries.com

The Avant/Garde Diaries – Transmission1 im Berliner Congress Center am
Alexanderplatz ist am 16. und 17. Juli 2011 von 12:00 bis 24:00 Uhr für die
Öffentlichkeit geöffnet. Der Eintritt ist frei.
 

TAGS THE AVANT/GARDE DIARIES - TRANSMISSION1, RAF SIMONS, RAUM, PETER SAVILLE, MICHAEL CLARK, KONSTANTIN GRCIC, THESE NEW PURITANS, GERMAINE KRUIP, EDDIE BRANNAN, DUSTIN YELLIN, BERLIN

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